Dieser Bericht von Dr. Ludwig Bickell stammt aus „Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel Bd. 1“, das im Staatsarchiv Marburg zu finden ist unter: HADIS (Hessisches Archiv-Dokumentations- und Informations-System) P II 17; P II 18; P II 19.

 

 

Udenhain

Dorf von 650 Einwohnern, 3½ Stunden nordöstlich von Gelnhausen. War im Mittelalter Sitz eines kleinen Gerichtes, gehört jetzt zum Amt Wächtersbach, und ist Filial von Hellstein.

Der Name zuerst 1331 als Udenhain (Udenhayn, Uodinhan und hen) vorkommend, ist nach Arnold p.469 von einem Personennamen (?) abzuleiten. Das Gericht Udenhain umfasste nach Landau (Wettereiba p. 138)   die Orte: Hellstein Schlierbach, Spielberg Breitenborn, Wittgenborn, Leisenwald, Streitberg, Helfersdorf, Neuenschmitten, Schächtelburg, Waldensberg, Weiherhof und war Reichslehen, wie sich daraus ergibt dass 1331 König Ludwig den Grafen Luther v. Ysenburg beauftragt, das an die Grafen v. Weilnau verpfändete Gericht auszulösen, und nachher Conrad v. Trimberg, der dies ausgeführt hatte, mit dem Gericht belieh (Urk. II p.349 bzw. 382). Später wird statt Udenhain Spielberg als Gerichtsort genannt. Es ist deshalb auch möglich, dass Arnd Recht hat, wenn er Udenhain als Centgericht, Spielberg und Wächtersbach als bloße untergeordnete Schöffengerichte bezeichnet. Gerichtsstätte war die noch neben der Kirche stehende alte Linde. Alle Dörfer des Gerichtes waren nach  Würdtwein III (p. 162 u. 170) dahin eingepfarrt, und die Kirche bildete mit Salmünster und Aufenau ein Rektorat (ibid. III p. 8 u. 9). Nach einer Urkunde des Büdinger Archivs (Culturwesen 1461 . 1545 Nr. 627)  gehörte 1461 Udenhain zu dem Stift Maria ad gratus in Mainz und die Grafen zu Ysenburg waren Patrone der ecclesia St. Martini in Udenhayn.  Nach derselben Quelle gehörte 1543 die Kirchen zu Schlierbach, Spielberg, Hellstein als Filiale hierher, während jetzt Udenhain ein Filial von Hellstein ist. Im Jahre 1546 wurde die Kirche durch des Kurfürsten und Landgrafen Kriegsvolk ihres Kassenbestandes „neben den Kleinodien, Kelchen und anderem“ beraubt (Büdingen, Arch. Culturwesen 603) und 1829 fand eine Hauptreparatur statt.

 

Die Martinskirche

Hat eine ungemein malerische Lage auf einem das Dorf überragenden Hügel, und zeichnet sich von den meist nüchternen, jungen Kirchen des Kreises durch eine fast vollständige Erhaltung der mittelalterlichen Anlage aus, welche von Haus aus eine gewisse schlichte monumentale Durchbildung hatte. Die Tafeln 310 – 313 geben dieselbe in Grundriss, Ansichten und Detail. (siehe Bickell-Bilder in Bildergalerie)

 

à Der Turm hat weder Sockel noch Dachsims. Im Westen führt eine einfach gefasste Spitzbogentür in das gewölbte und durch schmale Schlitze erleuchtete Untergeschoss, eine ähnliche schmälere ins Innere des Schiffes. Etwas über der halben Höhe des Turmes liegen auf den drei freien Seiten desselben größere Spitzbogenöffnungen und unter der westlichen derselben sitzen große Kragsteine, welche wohl eine Pechnase zur Verteidigung der Eingangstüre getragen haben. Auch muss die nördliche den Zugang zum oberen Teil des Turmes gebildet haben, da die einzige vorhandene jetzige Verbindung mit der Kirche ein offenbar späterhin gebrochenes Loch hinter der Orgel bildet. Die Schallöffnungen sind leider im 18. Jhdt. zu rechteckigen Fenstern umgeändert worden. Das Dachwerk ist in seineer Konstruktion und Form nach noch das Ursprüngliche, und an dem Turmkreuz ist der Anfangsbuchstabe des Ortes als Dekorationsmotiv verwendet. Tab. 312,5.

 

à Das Schiff hat ebenfalls weder Sockel noch Dachsims und auf jeder Seite nur zwei kleine, auffällig tiefsitzende, ungeteilte aber mit Nasen besetzte Spitzbogenfenster mit hohlem Gewände. Auf dem Schlussstein des südöstlichen ist die Jahreszahl 1469 eingemeißelt. Leider hat man gerade zwischen der 4 und der 6 ein Loch für die Verankerung der später zu beschreibenden Emporen durchgebohrt und so die Lesung erschwert, welche durch Betrachtung in der Nähe jedoch sicher gestellt ist. Auf der Nordseite liegt etwas außer der Mitte eine vermauerte gefasst Spitzbogentüremit einem kleinen steifen Kruzifix darüber.

 

à Der Chor hat einen Schmiegesockel, einen Dachsims mit Hohlkehle, mit Platte und unter den Fenstersohlbänken läuft ein Kafsims mit Wasserschlag her. (Tab. 312,4).

 

à An den geraden Chorseiten steht je ein ganz schmales Spitzbogenfenster mit flachem, hohlem Gewände und Nasen, an den Polygonseiten dagegen befinden sich zweiteilig Fenster mit verschiedenem, je aus einem Stein bestehendem in Falz liegendem Masswerk, von denen das südliche so völlig den beiden identischen Fenstern der Seitenchöre zu Orb gleicht, dass beide nur von demselben Meister zu annähernd gleicher Zeit ausgeführt sein können Das Ostfenster ist Tab. 312,6 abgebildet, sein Profil Fig. 3.

 

à An der Südseite fehlt das Kafsims zum Teil, da hier eine gewölbte Sakristei sich anschloss, deren außen stichbogige, innen spitzbogige vermauerte Türe und deren Grundmauern noch erhalten und im Grundplan eingetragen sind. Der Dachstuhl des Chores ist neu aus der MItte des 19. Jahrhunderts.

 

à Im Innern ist von der alten Einrichtung des Schiffes nichts mehr zu erkennen (Tab. 313), nachdem schöne, einfache Emporen in zwei Geschossen Nord-, West- und Südseite umgeben, sodass hässliche rechteckige Fenster zu ihrer Erleuchtung auf beiden Langseiten gebrochen werden mussten. Die Erbauungszeit dieser Emporenanlage ergibt sich aus einer Jahreszahl über der in die Südwestecke eingebrochenen rechteckigen Türe zu den Emporentreppen: 1706, ebenda ist auch eine1892 geschehene wesentlich in einem Anstrich (mit klebendem Lack zum Teil!) bestehende Auffrischung verewigt. Die tiefe Lage der Schifffenster und ihre Verteilung lässt vermuten, dass das Schiff mit 2 Kreuzgewölben überdeckt war.

 

à Das Innere des Chores ist, abgesehen von dem Ausbrechen des vorspringenden Triumphbogens (welches dank der soliden Ausführung bis jetzt ohne schädliche Folgen geblieben ist), noch wohl erhalten. Das Kreuzgewölbe desselben, aus dem polygonen Teil und einem ganz schmalen und daher sehr tiefbusigen Joch bestehend, hat hohlprofilierte Rippen, die aus runden Diensten mit den (Tab. 312, 1 u. 2) dargestellten Sockeln hervorwachsen und in einem großen  dreipassförmigen Schlussstein zusammenlaufen, in dessen  vertiefter Fläche ein Christuskopf und 2 (Korrektur unsererseits: Es sind 3) Engel sculpiert sind. Die Schildbögen mit Hohlkehle laufen neben Diensten herab, außerdem aber noch ein weiteres Glied, welches in der Höhe der Bogenanfänge aufhört und eine Änderung im Bauplan bezeichnet.

 

à Die Baugeschichte der Kirche wäre nach dem vorliegenden Befund kurz dahin zu resümieren, dass der Chor bereits 1446 als besondere Kapelle oder als Chor einer älteren romanischen Kirche bestand und das Schiff 1469 angesetzt wurde.

 

à Deutlich zu erkennen ist, dass der Chor nach Westen mit Eckquadern abschloss, an die ohne Verband das Schiffsmauerwerk stößt.

 

à An der Nordwand des Chorschlusses sitzt ein Wandtabernakel (Tab. 312), welches leider dick mit Kalk ertüncht ist, so dass alle Formen unscharf erscheinen. Auf dem abgeschrägten Rand läuft eine Inschrift hin, von welcher mit Mühe zunächst nur das Datum freizulegen war MCCCCXXXXVI d. h. 1446. Zwei Wappen über den krönenden Kielbogen bezeichnen den Stifter, einen Grafen v. Ysenburg und seine Gemahlin eine Gräfin v. Weilnau (2 Löwen) (Simon?).

 

à Der Altar hat noch eine alte kleine mit Hohlkehl und Platte profilierte Mensa.

 

à Die Piscina, an der Südostwand, ist eine Nische mit vortretendem Becken Fig.7.

 

à Das Gestühl hat geschickt geschweifte massige mit den Emporen gleichzeitige Eichenholzwangen.

 

à Kanzel und Orgel sind jedoch unerfreuliche neuere Schöpfungen.

 

à Glocken. Die Kleinste hat 0,635m unteren, 0,345m oberen Durchmesser und 0,52m Höhe und zwischen gedrehten Fäden in ganz kleinen weitstehenden unscharf gegossenen gotischen Majuskeln die Inschrift:

HILF + GOT + UND + MARIA + AMEN +

Die Bügel der Krone sind rund und gekerbt.

Die Größere hat in lateinischen Großbuchstaben die Inschrift:

IN GOTTES NAMEN FLOSS ICH JAKOB UND PHILIPP BACH IN WINDECKEN GOSS MICH 1820.

 

Dr. L. Bickell, 1895

Dr. Ludwig Bickell (1838 – 1901), 1895

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