Mein Freund der Baum

Dieses Lied von der Schlagersängerin Alexandra aus dem Jahre 1968 fiel mir ganz spontan ein, als es am Freitag, den 06.03.2026 leider nun soweit war. Nach dem nur 2 Tage vorher angekündigten Vorhaben rückte im Auftrag der Unteren Naturschutzbehörde ein Team mit Kettensägen, Kran, Hebebühne und Container an, um das Udenhainer Wahrzeichen vor der Martinskirche zu fällen.

So gewaltig wie auf dem Foto aus dem Jahre 2009 sah die Gerichtslinde schon lange nicht mehr aus.

Schon im Jahre 1926 wurde die Linde unter Naturdenkmalschutz gestellt und die beiden Hauptäste mit Eisenbändern verbunden, damit sie nicht abbrechen konnten.

30 Jahre später, im April 1959 wurde die Krone durch 12 Stahlseile gesichert und diese im Dezember 1970 erneuert und die Krone etwas gestutzt. Auch im Jahre 1986 wurde Trockenholz entfernt und weitere Kronenschnitte zur Entlastung durchgeführt.

Am 02.12.2002 stand in der Zeitung zu lesen, dass unbekannte Täter die alte Linde in Brand gesetzt und damit erheblich zerstört hatten. Der Innenraum des Stammes der Linde war ausgebrannt.

In den Jahren 2003 und 2010 und 2016 mussten Sanierungs- und Pflegearbeiten an ihr durchgeführt werden, um eine Gefahr für die Bevölkerung und die Martinskirche auszuschließen.

Dann wurde sie wegen des Brandkrustenpilzbefalls und der daraus folgenden geringeren Tragkraft des Stammes im Jahre 2018 um ca. 1/3 ihrer Höhe gekürzt. Und auch 2024 war eine Entlastung des Stammes von Nöten. Aber alle Eingriffe waren leider nur eine zeitliche Verschiebung des Unabwendbaren, das nun am Freitag geschah. 

Das Erscheinungsbild, das sie 2018 hinterließ, war schon erschreckend genug im Vergleich zum vorherigen Aussehen, aber man gewöhnte sich daran, denn die Linde schlug wieder aus und blühte            

              Martinskirche mit Gerichtslinde im Jahre 2009                                     weiter.  Sie gab nicht auf. Doch ihre Prognose für die   

Zukunft sah immer schlechter aus. Aus diesem Grund hatte der Förderkreis Martinskirche Udenhain im Jahre 2019 eine neue 20jährige Winterlinde in der Nähe der alten Sommerlinde gepflanzt, in der Hoffnung, dass sie groß genug sein würde, wenn die alte Linde eines Tages fallen sollte.

Nun war es leider soweit, dass dieser ca. 380 Jahre alte Baum sich in Richtung Kirchturm neigte und die Gefahr eines Sturzes auf den Turm bei stärkerem Westwind größer wurde. Deshalb kam es zu der nicht unerwarteten, aber dennoch plötzlichen und schnellen Entscheidung, dass die alte Gerichtslinde nun endgültig fallen muss.

 

„Die fast 400jährige, geschichtsträchtige Kirchen- und Gerichtslinde vor der Martinskirche in Udenhain muss in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, war sie doch Thingstätte für das Gericht Udenhain und Sitz der sogenannten Märkerversammlung , die über den gemeinsamen Besitz von Wald, Wasser und Weide zu entscheiden hatte, und in deren Verlauf die versammelten Markgenossen den Zehntgrafen, die Gerichtsschöffen und Märkermeister wählten“

(Zitat aus dem Mitteilungsblatt der Naturkundestelle Main-Kinzig, 5. Jg. (1993) /Heft1 / S. 1 -13).

 

In dem Lied von Alexandra heißt es in der 1. Strophe:

„Ich hatte manches dir zu sagen und wusste du wirst mich versteh'n, ich fühlte mich bei dir geborgen und aller Kummer flog davon. Hab' ich in deinem Arm geweint, strichst du mit deinen grünen Blättern mir                            Alte und neue Linde im Kirchgarten vor der Martinskirche                              übers Haar mein alter Freund.“                                                                  aus dem Jahre 2020

Vielleicht ist es auch so manchem Udenhainer in den letzten 380 Jahre ähnlich ergangen, als er vor Gott und dem alten Baum seine Sorgen und Nöte los zu werden versuchte. 

Nun endete heute am Freitag, den 06.03.2026 das Leben dieser Gerichtslinde und somit auch ihre Geschichte.

 

Schon morgens um halb 8 wurde die Straße gesperrt und die Motorsägen trennten einen Ast nach dem anderen vom Stamm. Diese waren vorher mit Hilfe des Krans und einer Kette so gesichert worden, dass die nicht auf den Boden fielen und evtl. dabei noch andere Schäden an der Kirche oder der restaurierten Mauer verursachten.

Stück für Stück wurden dem Baum die schweren Äste entfernt und in den bereitgestellten Container abgeladen. Wohin? In die Verbrennungsanlage in Wächtersbach?

Es tut weh, wenn man daran denkt, wie man  letztendlich mit Dingen umgeht bzw. umgehen muss, die Jahrhunderte alt und nun ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen sind.

Wird das der Martinskirche auch irgendwann einmal so ergehen? Wird sie auch irgendwann einmal dem Erdboden gleich gemacht, weil sie ihre Aufgabe nicht mehr erfüllt?

Und so geht es im Lied von Alexandra weiter:

 

„Du wirst dich nie im Wind mehr wiegen, du musst gefällt am Wege liegen.
Wer wird mir nun die Ruhe geben, die ich in deinem Schatten fand.
Mein bester Freund ist mir verloren, der mit der Kindheit mich verband.

Vielleicht wird es ein Wunder geben,
ich werde heimlich darauf warten.
Vielleicht blüht vor dem Haus ein Garten
und der erwacht zu neuem Leben.
Doch ist er dann noch schwach und klein
und wenn auch viele Jahren geh'n,
er wird nie mehr derselbe sein.

Mein Freund der Baum ist tot.
Er fiel im frühen Morgenrot.“

 

 

 

 

 

 

Nun ist nur noch ein kleines Stück vom Stamm zu sehen und der Platz vor der Kirche wirkt leer.

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